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Religion

Arndt und die Juden

Arndt im Christentum:

Ernst-Moritz Arndt: Leben und Werk

Vortrag aus Anlaß des 200. Geburtstages von Arndt am 26. 12. 1969; gehalten auf einer festlichen Veranstaltung in der Ernst-Moritz-Arndt-Gemeinde in Berlin-Zehlendorf von K. -A, -Hecker, Pfarrer an der Ernst-Moritz-Arndt-Gemeinde.

Es ist schwer, das Leben und das Werk dieses Mannes zu beschreiben. Denn sein Bild ist von Fehlmeinungen, falschen Urteilen oder einfach von Unkenntnis verdunkelt. Schwer ist es beson­ders deshalb, weil Arndt schon seit den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderte von man­chen Kreisen des deutschen Bürgertums als Barde des Hurrapatriotismus in Anspruch genommen wurde. Im 3. Reich schließlich feierte man Arndt als Neuheide und Vorläufer rassebewußten Denkens. So nimmt es nicht Wunder, daß man ihn heute nicht mehr kennt, ja nicht kennen will: Der Missbrauch der mit Arndt getrieben worden ist, scheint die Erinnerung an ihn und das Fragen nach ihm end­gültig ausgelöscht zu haben. Kennzeichnend für diese Entwicklung ist die Tatsache, dasss Arndt (zusammen mit dem Turnvater Jahn) in die von Theodor Heuß und Hermann Heimpel besorgte Neu­auflage des Werks „Die großen Deutschen“ nicht mehr aufgenommen wurde. Golo Mann erwähnt in seiner viel gelesenen „Geschichte des 19. Jahrhun­derts“ Arndt mit einem Satz: „Arndt, ein braver Mann und guter Schriftsteller, war akademischer Lehrer hochfliegend-schroffen Geistes“ . . . Das ist zwar noch eine Reverenz, die aber gleichsam mit schon halb abgewandtem Gesicht erwiesen wird: Man hat Wichtigeres zu tun, als sich mit Ernst-Moritz Arndt zu beschäftigen.

Das es um Arndt so still geworden ist und man ihn weithin kaum noch dem Namen nach kennt, liegt in hohem Maße an ihm selbst: Er selbst macht es einem schwer. Er ist nicht der Mann, über den man sich schnell und bequem ein zutreffendes Urteil bil­den kann. Arndt ist anspruchsvoll. Deshalb ist die Beschäftigung mit Arndt für den, der sie unternimmt, viel stärker als wie die Beschäftigung mit anderen bedeutenden Persönlichkeiten eine sehr zweischnei­dige Sache. Die Urteile und Meinungen, zu denen man über Arndt gelangt, sagen in hohem Maße zugleich etwas aus über den, der sie fällt: Über seine politi­sche Einstellung, seine weltanschauliche Haltung überhaupt. Darüber hinaus aber sagen sie etwas aus über seine Gewissenhaftigkeit, seinen Sinn für Ab­wägen und Maß, über die Fähigkeit, Wichtiges und Unwichtiges, Nebensächliches und Wesentliches zu erkennen und in ein Verhältnis z;u setzen. Die Eil­fertigen, die Besserwisser, die schrecklichen Ver­einfacher, die Voreingenommenen, die Ideologen aller Sorten müssen an Arndt gründlich scheitern. Man kann deshalb durchaus fragen, ob nicht die Unmodernität Arndts nicht zuletzt damit zusammen­hängt, daß wir in einem Zeitalter leben, in dem die Menschen schnelle Informationen und vereinfachende Urteile schätzen.

Ernst-Moritz Arndt ist also viel mehr, als wofür er bei vielen Leuten gegolten hat und heute gilt: Er ist als Mensch und Autor ungewöhnlich vielseitig und vielschichtig; und er ist der Substanz nach un­gewöhnlich reich. Das Große an ihm ist nicht die unergründliche Tiefe seiner Gedanken. Das Große an ihm ist, dass er die wichtigsten und zukunftsträchtigsten Geistesströmungen jener Jahrzehnte in sich  aufnahm, sie mit Hilfe seiner reichen Begabung und mit dem Schatz seiner Erfahrung in sich verarbeitete und sie dann ohne Rücksicht auf die Folgen für  sein persönliches Ergehen öffentlich vertrat: So wurde Ernst-Moritz Arndt ein entschiedener Kämpfer gegen die Willkür der Fürsten. Er focht unermüdlich für Presse- und Redefreiheit, Bis in sein hohes Alter setzte er sich für eine demokratische Verfassung ein. Er rief unermüdlich nach der Ein­heit Deutschlands; er suchte durch seine zahlreichen ( Schriften erzieherisch und volkserzieherisch zu wirken. Schließlich: Arndt hat die „These“ von der Mündigkeit der Christen vertreten und gelebt. Da­bei ist Arndt nicht einfach Schriftsteller; er ist in 1 seinem Besten ein Dichter.

In alledem zeigt sich Arndt als ein für seine Zeit überraschend „moderner“ und fortschrittlicher Denker, Jedoch liegt eben darin auch seine Grenze: Denn er hat nicht nur als Erster in Deutschland Einsichten und Ideen öffentlich vertreten, die für uns heute unaufgebbar sind. Er hat sich auch zu­gleich zum Fürsprecher von Gedanken und Ent­würfen gemacht, die damals in manchen Köpfen geboren wurden, die aber nach unserem Urteil heute schlimme Irrtümer darstellen. Deshalb zu meinen, Arndt gehöre zu den Persönlichkeiten, die dank ihres beweglichen Geistes überall schnell zu Hause sind und sich in die verschiedensten Gedanken und Interessen einleben können, die aber nir­gendwo wirklich tief wurzeln, ist indessen abwegig, das Gegenteil ist der Fall.

Arndt war eine starke, leidenschaftliche, originel­le Persönlichkeit, mit einem festen, entschiedenen Charakter. Das macht seine unwechselbare Eigenart mit aus; mit ihrer Hilfe vermag er auch Wider­sprüchliches oder weit voneinander Entferntes zu verbinden und in eigener Form zur Wirkung zu brin­gen.

Ernst-Moritz Arndt wurde am 26. Dez. 1769 auf der Insel Rügen geboren. Rügen gehörte damals nicht zu Deutschland, sondern zum Königreich Schweden. Im gleichen Jahre hatte Napoleon, den Arndt später er­bittert bekämpfte, das Licht der Welt erblickt. Arndt wurde 90 Jahre alt; er starb am 29. Januar 1860. Die Spanne seines Lebens umfasst Wandlungen und Um­brüche von ähnlicher Stärke wie die, die alte heute lebende Menschen erfuhren. Er wächst auf in der späten Regierungszeit Friedrich d. Großen; als junger Mann erlebt er die französische Revolution mit ihren zahlreichen neuen Ideen und mit ihren Wirren; dann wird er Zeuge des Aufstiegs des Neuen Kaiserreichs von Napoleon. Er erlebt den Zusam­menbruch Preußens und den Zusammenbruch des al­ten Deutschen Reichs mit der Abdankung des Kaisers in Wien; aus der Erschütterung darüber wird er von einem, in Sachen Deutschland indifferent denkenden Kosmopoliten zu einem Befürworter des Aufstiegs und der Einheit Deutschlands. Auf der Höhe seines Manneslebens hat er vollen Anteil an der Besiegung Napoleons. Nach dem Wiener Kongress, dessen Aus­gang er heftig kritisierte, vertrat er unermüdlich den Gedanken der Volks Souveränität; kein Wunder, dass er im Zusammenhang mit den Demagogenver­folgungen und der sich ausbreitenden Restauration seine Professur, die er einige Jahre zuvor in Bonn erhalten hatte, wieder verlor: Wegen Staatsfeindschaft und angeblicher Geheimbündelei würde er angeklagt und seines Amts enthoben. Zum Teil war ihm damit sicher Unrecht getan; denn Arndt war nie revolu­tionär; zum preußischen Königstum verhielt er sich grundsätzlich loyal. Wohl .aber war Arndt ein ent­schiedener, seiner Zeit weit vorauseilender Refor­mer; und das genügte, um ihn als einen verdächtigen und gefährlichen Mann anzusehen. 1840, mit dem Regierungsantritt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. , durfte Arndt- seine Vorlesungen wieder aufnehmen. Er wurde damals 71 Jahre alt. Bis zum Alter von über 80 Jahren hat Arndt dann noch Vorle­sungen gehalten. Im Alter von fast 80 Jahren gehörte er dem ersten deutschen Parlament in Frankfurt am Main an. Die Ablehnung der Deutschen Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. , wegen deren Annahme Arndt einen eindrucksvollen Briefwechsel mit dem König führte, war für ihn eine letzte große Enttäu­schung; doch hat ihn dies Erlebnis nicht entmutigt. Bis zu seinem Tod behielt Arndt die Hoffnung und Überzeugung, dass es einmal zu einer Einigung Deutschlands und zu einer demokratisch gestalteten Ordnung des Staatswesens kommen würde. In seiner letzten Schrift, die er als 83-jähriger schrieb, hat er sich noch einmal kritisch und scharf mit den poli­tischen Verhältnissen auseinandergesetzt, mit dem „Polizeizwang“, dem „Starrsinn“ der Fürsten und den „Verrücktheiten“ der Republikaner. Er bekennt sich in ihr noch einmal ausdrücklich zur Demokra­tie im Staatswesen, zur konstitutionellen Monarchie und in diesem Zusammenhang konkret zum Parla­ment in der Paulskirche:“Die Zeit wird kommen, in der man die Gedanken dieser Männer wieder her­vorsuchen wird“.

Dies sind die Überzeugungen, die das Leben Arndts bestimmt haben. Es ist der Ruf nach Demokratie in Staat und Kirche, nach einem einigen deutschen Staat, als dessen Grundlage er ein auf Volkstum und Recht beruhendes Nationalbewusstsein ansieht, und es ist – nach vielen Wandlungen – der christliche Glaube. Wir wollen im Folgenden die Ansichten Arndts ge­nauer darstellen.

Charakteristisch für ihn ist bereits seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung. Mit ihr fasste er sogleich ein heißes Eisen an. Sie erschien, nachdem Arndt Privatdozent an der Univ. Greifswald gewor­den war. Ihr Titel: „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“. Kennzeich­nend für ihn auch im Bereich d. Wissens ist die Schrift deshalb, weil schon ihr Titel ankündigt, dass Arndt sich nicht mit theoretischen Erörterungen abgibt, sondern es unternimmt, die „Verhältnisse“ in der Praxis „zu ändern. “ Arndt klagt den Egoismus und die Willkür der Fürsten und Gutsherren an; er be­zeichnet die Verhältnisse als einen Skandal; macht die Gutsherren für die sittl. Verwilderungen des Landvolks verantwortlich und fordert die Aufhebung der Leibeigenschaft. Denn: „In einem freien Staat müssen Geist und Zunge (also: die Menschen) frei sein. „Und: „Sklavische Behandlung erzeugt auch sklavische Gemüter“. Arndt wurde durch dieses Buch sofort in weiten Kreisen bekannt. Er bekam Beifall. Aber er zog sich auch einflussreiche Feinde zu. Arndt hatte das geahnt. Der letzte Satz seines Buches lautet: „Wer für seine Wahrheit im schlimm­sten Fall nicht auch das Schlimmste leiden kann, der ist nicht wert, daß ihm je eine Wahrheit aufgehe“. Arndt wurde von Großgrundbesitzern bei seinem Landesherrn“, dem schwed. König, angezeigt. Der König leitete gegen ihn eine Untersuchung ein, die jedoch eine überraschende Wendung nahm. Die Un­tersuchung wurde vom König selbst niedergeschla­gen; bald wurde sogar die Aufhebung der Leibeigen­schaft in Schweden und Vorpommern befohlen. Arndt hat dazu entscheidend beigetragen. Im Jahr 1806, kurz vor Napoleons Sieg bei Jena u. Auerstädt, erschien der 1. Bd. von Arndts umfas­sendem Werk „Geist der Zeit“. Arndt erörtert in ihr die geistige und politische Lage der Gegenwart: den Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Situation der Kirchen, die Frage der Nationen, insbesondere die* Lage des in zahlreichen Einzel­staaten zerrissenen deutschen Volks. Er rechnet mit den absolut regierenden Fürsten ab, erklärt ihr Regierungssystem für unfähig und deshalb auch für schuldig, dass Deutschland Napoleon zum Opfer ge­fallen sei. Die alten Staaten, schreibt er, „brauch­ten nur noch Maschinen und ahnten nicht, dass sie einmal Menschen brauchen würden. Arndt hofft auf einen Staat, der nicht dem Egoismus einzelner Klas­sen dient, sondern in dem „das Menschliche wieder frei erblühen kann“. Dieser Staat könne nur ein Volks und Nationalstaat sein. Ihm liegen zugrunde die natürlichen Bande der Sprache, der gemeinsamen Kultur und des Denkens. Den inneren Zusammenhalt aber gebe die Vaterlandsliebe, die Gerechtigkeit und die Freiheit. Nur darauf könne sich ein Staat dauer­haft gründen. Dies sei die Zukunft aller europäischen Staaten. Arndt zeigt sich keineswegs als der engstir­nige Nationalist und Franzosenhasser, wie gern ohne genaue Kenntnis der Arndtschen Schriften behauptet wurde. Denn: „Es ist schön, ein Vaterland zu lieben. . aber unendlich schöner ist es, ein Mensch zu sein und alles Menschliche höher zu achten als das

Vaterländische“. Diese humanistische Grundlage des Arndtschen Nationalgefühls tritt später unter dem Eindruck des Überfalls Napoleons auf Deutsch­land zurück. Sie verschwindet aber nicht. Ohne den Einsatz für das Vorrecht des Menschen vor dem Staat und dem Vaterland ist der Arndtsche Lebens-lauf auch in den späteren Jahrzehnten nicht zu den­ken. Für dieses Vorrecht hat Arndt die schweren per­sönlichen Opfer gebracht.

Und:

Wie bei vielen anderen Deutschen wurde durch den Überfall Napoleons auf Deutschland in dem ursprüng­lich eher kosmopolitisch empfindenden Arndt das nationale Denken wachgerufen. Aß durch Napoleon Deutschland in zwei sich befehdende Teile aufgespalten wurde, daß darüberhinaus weite Teile Deutsch­lands von Napoleon annektiert wurden, hat Arndt und viele andere empört. Über diese Wen<3e in seiner Einstellung zu Deutschland schreibt Arndt selbst: „Als Österreich und Preußen nach vergeb­lichen Kämpfen gefallen waren, da erst fing mein Herz an, sie und Deutschland mit rechter Liebe zu lieben und die Welschen mit rechtem, treuen Zorn zu hassen. Es war nicht allein Napoleon, nicht der listige, geschlossene, hämische, – sie waren es, die Franzosen, die Trügerischen, Übermütigen, Habsüchtigen, sie hasste ich im ganzen Zorn. Als Deutschland durch seine Zwietracht nichts mehr war, umfasste mein Herz seine Einigkeit“. -Arndt wurde in der Folgezeit der für Napoleon ge­fährlichste Publizist. Die Tätigkeit Arndts hat man mit Recht als einen. Teil der „psychologischen Kriegsführung“ bezeichnet. Nun stellt er, wie viele andere auch, die deutsche Treue der welschen Falschheit und Hinterlist gegenüber; nun taucht der Spruch auf, man müsse mit Gott gegen die Franzosen, die Unterdrücker der Freiheit und Verächter alles Menschlichen, kämpfen. „Nun taucht die Gleich­setzung des französischen Volkes mit Napoleon auf: „ich hasse alle Franzosen ohne Unterschied im Namen Gottes und meines Volkes. Ich lehre diesen Hass den Söhnen meines Volkes; ich werde mein Leben daran arbeiten, dass die Verachtung und der Hass gegen dieses Volk in meinem Volk tiefe Wurzeln schlägt“. So schreibt Arndt, gewiss in der Psychose des Krieges und- das muss be­tont werden – unter der Voraussetzung, dass ein gerechter Krieg geführt werde. Er hat darüber-hinaus später diese Lehre vom totalen Hass ge­genüber den Franzosen revidiert; ganz zurückge­nommen hat er sie nie. Denn, so sagt er, wer lie­ben wolle, der müsse auch verpflichtet sein, das Böse mit Ernst zu hassen.

Wenn wir heute Arndts Worte von dem „deutschen Gott“ hören, so wissen wir, dass wir solche Worte ablehnen müssen. Denn wir haben inzwischen erlebt, wie gefährlich die Arndtsche Argumentation ist und wie verhängnisvoll sie sich auswirken kann: Wie Gott nämlich schnell in Anspruch genommen wird für alle möglichen politischen Unternehmungen. Man muss aber die Situation bedenken, in der diese Worte geprägt und benutzt wurden: Arndt wollte erreichen, dass fremde politische Mächte davon abgehalten wer­den, sich massiv in deutsche Verhältnisse einzumischen. Es ging ihm um die Wiederherstellung eines Rechtszustandes. Und deshalb ist Gott deutsch: Weil die Deutschen für eine gerechte Sache kämp­fen. Arndt war überzeugt, dass dieses „Schlagwort“ der Befreiung von der Tyrannis und damit einer ge­rechten Sache dient.

Hören wir einen der für die Zeit und für Arndt typischen Hassgesänge:

Zu den Waffen, zu den Waffen ! Zur Hölle mit den welschen Affen ! Das alte Land soll unser sein ! Kommt alle, welche Klauen haben, kommt, Adler, Wölfe, Krähen, Raben ! Wir laden euch zur Tafel ein !

Und:

Hinein und färbt die Schwerter rot ! Die Rossehufe rot ! Schlagt alle Welschen mausetot ! Schlagt alle Buben tot. !

Hinein und lasst die Fahnen wenn ! Gott, Freiheit, Vaterland ! Es lebt und es stirbet schön, wer diesen Klang verstand. …

Dies ist ein Stück von dem, was ich „psychologische Kriegsführung“ nannte. Aber es steckt mehr dahin­ter: der Appell an den Instinkt, an die Leidenschaft, an das Blut – und dieser Appell erschien Arndt und vielen nach ihm auch später-noch unter veränderten Verhältnissen Geltung zu haben. Man hat deshalb zu­treffend geurteilt, daß zwischen Arndt und den Ansichten, die in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts

von zahlreichen Nationalisten und Chauvinisten ver­treten wurden, ein ideengeschichtlicher Zusammen­hang besteht. Wir werden darauf noch zurückkommen. In diesem Zusammenhang halten wir aber fest, daß Arndt nicht allein stand mit dieser Art, die „Emo­tionen“ „anzuheizen“ (ein blasses Wort für einen komplexen Sachverhalt). Hören wir zum Vergleich Heinrich von Kleist:

Du weißt, was Recht ist, du verfluchter Bube,

(gemeint ist Napoleon)

und kamst nach Deutschland, unbeleidigt, um uns zu unterdrücken? Nehmt eine Keule doppelten Gewichts und schlagt ihn tot ! Und:

Alle Plätze, Trift und Stätten, färbt mit ihren Knochen weiß; welchen Rab und Fuchs verschmähten, gebet ihn den Fischen preis“

Dämmt den Rhein mit ihren Leichen; laßt, gestäuft von ihrem Bein, schäumend um die Pfalz ihn weichen und ihn dann die Grenze sein!

Eine Lustjagd, wie wenn Schützen auf die Spur dem Wolfe sitzen ! Schlagt ihn tot! Das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht !

Das ist der gleiche Dichter, der den „Prinz von Homburg“ schrieb, jenes Stück zwischen Traum und Tag, mit einer zarten Musikalität des Worts. -Die Hassdichtung gegen Frankreich war damals in , Deutschland weit verbreitet. Wichtig bei der Beurteilung von Arndts Nationalismus ist nun aber, daß er Halt macht.an den Grenzen anderer Völker. Die These von der Erweiterung des Lebensraums (ein Volk brauche eine bestimmte Anzahl von Quadrat­kilometern Land oder bestimmte wirtschaftlich ausgezeichnete Gebiete, um leben zu können) hat er nie vertreten. Als Frankreich besiegt war, rief -Arndt zur Mäßigung auf und lehnte jede Bestrafung Frankreichs und eine Einmischung in die inneren Verhältnisse des Landes ab. Dieser Sachverhalt scheint mir für die Beurteilung des Arndtschen Nationaldenkens wichtig zu sein. Damals gab es nämlich zahlreiche Hasser in Deutschland, die in Flugschriften dazu aufforderten, Frankreich in mindestens drei Teile zu zerstückeln, die sich be­fehden sollten. Denn Frankreich habe durch seine Untaten das Recht auf seine Einheit verloren. Die Sicherheit Europas ertrage es nicht, dass so viele Franzosen in einem Staate wohnten; die Spaltung Frankreichs sei für den Frieden Europas notwendig. Besonders auch wurde den Franzosen von deutscher Seite angekreidet, dass sie sich weitgehend mit der Politik Napoleons identifiziert hätten und es nicht fertig bekommen hätten, den Tyrannen von sich aus zu stürzen. Arndt zitiert diese Meinungen und entgegnet ihnen: „Es fehlt nicht an solchen, die da sagen; Das Land hat den ewigen Frieden verwirkt. Es hat durch ewigen Friedensbruch und Treubruch. .. alles Recht verwehrt. Ja, man fordert, daß sie so zerissen werden,- wie sie uns zerissen haben. Man for­dert, dass die Franzosen tausendfältig verdient haben, hart‘ gezüchtigt zu werden, dass es auch für die Ruhe unseres Erdteils und Vaterlandes notwendig sei, dass man sie schwäche und einschränke. – Wir aber wollen

nichts Unmenschliches und Hinterlistiges weder bil­ligen noch raten gegen die Franzosen, wie unmensch­lich und hinterlistig sie unsere Macht und unser Glück auch zu bestricken und zu zerstören gesucht haben. Nehmen wir also das Unsrige und lassen die Fran­zosen gewähren und sich für frei oder knechtisch, königlich oder kaiserlich machen, wie sie bestehen können. Wahrlich, wir haben ein jeglicher genug mit dem eigenen Elend und der eigenen Verwirrung zu tun. Und es ziemte uns wohl schlecht, anderen Glück und Freiheit, wenn sie sie haben können, ab­schneiden zu wollen, da wir sie selbst noch suchen. Denn jedes Unrecht, auch gegen die schlimmsten Feinde, ist zugleich eine schlimme Dummheit. Das schreiendste Unrecht aber ist es, wenn man bei an­deren fremden Völkern einen unrechtlichen und un­sittlichen Zustand verlängern. . . oder mit absicht­licher Bosheit bereiten will“. Hier kommt wieder Arndts Überzeugung zum Vorschein, die ich vorhin als einen Grundzug seines Denkens bezeichnete: Das Verhältnis der Menschen zueinander kann nur auf der Grundlage des für alle Menschen in gleicher Weise geltenden Rechts und der Gerechtigkeit geregelt werden. Diese Auffassung trennt ihn – und das ist entscheidend – von den späteren Chauvinisten grund­sätzlich. Um dies noch anschaulicher zu machen, zitiere ich aus einer in ganz anderem Zusammenhang erschienenen Arndtschen Schrift: “ Die Gesetze des Staates müssen die allgemeine Liebe und Gerechtig­keit in sich tragen, so dass sie durch ihre Gesinnung und Weisheit würdig wären, ewig zu dauern“. „Wo eine freie Verfassung ist, da ist auch Anreiz für die Menschen, sich geistig zu betätigen“.“Deswegen ist auch keine geistige Freiheit im n höheren Sinn, wo die politische Freiheit fehlt“. V „Denn Reden und Denken ist eins, und wer das Sprechen verbietet, der verbietet auch das Denken. Die Lippe ist der Wetzstein des Geistes: über die Lippe muss der Gedanke oft hin und her laufen, da­mit er Glanz, Farbe und Gestalt gewinne. Der Tag bricht an und der Mensch spricht. Denn die Sprache ist die geistige Sonne auf Erden und muss zuweilen auch der geistige Blitz sein“. Im gleichen Zusam­menhang wendet sich Arndt gegen die Ansicht, Ge­setze könnten gerecht auch ohne Beteiligung des Volkes gemacht werden. „Und das ist der größte Verlust, wenn man das Volk daran gewöhnt, dass ohne Form (gemeint Volksvertretung) rechtens Recht gestiftet werden kann. “

Ich sprach vorhin davon, dass Arndt ganz ungehemmt an die Leidenschaften, an das Blut und den Instinkt appellieren könne. Dies ist nun freilich eine dunkle, aber neben seinem ausgeprägten Sinn für Recht und Freiheit ebenfalls stark ausgeprägte Seite seines Wesens. Wer sich mit Arndt beschäftigt, dem fällt auf, dasss Arndt nicht nur eine starke Variationsbreite bei seinen Anschauungen hat, sondern dass er in har­ten Gegensätzen denken kann; es fällt auf, dass Arndt, auch in seiner späteren Zeit, in der er ein entschie­dener Christ war, sich zum Instinkt, zum Leben, zur Natur, zum Blut und, als Gegenpol zur Liebe, auch zum Hass bekennt, „ich habe in der Notwendigkeit meines Gemütes Recht“, „und dieses Recht meiner Liebe und meines Hasses will ich gebrauchen, weil ich muss“. Diese Sätze wurden viele Jahrzehnte vor Friedrich Nietzsche geschrieben; in ihnen,ist noch eingedämmt und gebändigt, das wirksam, was bei Nietzsche offen geschieht: das Niederreißen der Däm­me der Humanität, der Aufstand ungebändigter Kräfte gegen die Normen der Kultur. Es ist jedoch kein Zweifel, dass Arndt diesen Schritt niemals ge­tan, ja ihn entschieden bekämpft hätte. -Ernst-Moritz Arndt ist als reifer Mann Christ ge­worden. Er hat das. erlebt, was vielen ernsthaften, geistig regen Menschen so gegangen ist und geht: Als junger Mann war er vom Kinderglauben abge­kommen; im Alter von 30 Jahren lehnte er Kirche und Christentum völlig ab; im Alter von etwa-: 40 Jahren gewann er nach sorgfältigem Abschreiten aller damals sich anbietenden Denkmöglichkeiten und immer neuem Suchen und Fragen nicht ohne schwere innere Erschütterungen ein enges Verhält­nis zum christlichen Glauben und zu Christus selbst. Arndt wurde tätiger Christ, aktiv in seiner Gemeinde; und er war, wie immer wieder bezeugt wird, ein treuer Beter, der freilich dann gerade wegen seines festen Glaubens an Christus erneut Erschütterungen stark ausgesetzt war. Eine dieser Erschütterungen war der Tod seines Kindes; es ertrank im Alter von 12 Jahren an einem schönen Sommertag durch die Unvorsichtigkeit eines Erwachsenen im Rhein. Arndt hat den Schmerz darüber nie ganz verwunden. Der Glaube an Gott und Christus im schlichten bib­lischen Sinn, an die Erlösung, an die Gnade Gottes, hat dann Arndts Leben in der 2. Hälfte seines Lebens geprägt. Aus diesem Glauben sind zahlreiche Lieder hervorgegangen: „ich weiß, woran ich glaube“. „Kommt her, ihr seid geladen, der Heiland rufet euch“, das viel zu wenig bekannte und leider auch in unserem Gesangbuch nicht enthaltene Lied: „O Gottes Geist und Christi Geist“. „Gib Frieden,Herr, gib Frieden… „Arndt verfasste ein Gebetbuch für Kinder, das er einer Bekannten für ihre Kinder schenkte. In diesem Buch findet sich das Gebet: Du lieber, heiliger, frommer Christ, der für uns Kinder kommen ist, damit wir wollen weiß und rein und rechte Kinder Gottes sein!

1. Der ev. Kirchengemeinde Bonn hat Arndt einen erheblichen Anteil seiner Arbeitskraft über Jahrzehnte gewidmet:
Ob es um die Pfarrwahl ging, um die Beschaffung von
Mitteln für den Bau der Kirche und des Pfarrhauses,
um den Ankauf von Grundstücken, um die Aufstellung
des Haushaltsplanes – Arndt war nicht nur beteiligt,
sondern in vielen dieser Angelegenheiten als Mitglied /
des Gemeindekirchenrates die treibende Kraft, und ]
er hat die Verhandlungen mit Verstand, Geschick f

und Sachlichkeit geführt. Darüber hinaus hat Arndt sich maßgeblich an der Herausgabe des neuen Kirchengesangbuchs beteiligt; er hat auch in kirchenpolitischen Fragen immer wieder eingegriffen – wie wir heute sagen müssen, immer vermittelnd, aber, entschieden in der Sache, kurzum: gut. Vor allem lag ihm am Herzen die „Demokratie“ in der Kirche, [
d.h. die synodale Verfassung der Kirche und die Betonung der Rechte der Gemeinden gegenüber den kirchlichen Behörden. In dem damals viele Gemüter erhitzenden konfessionellen Streit Lutherisch Reformiert hat Arndt immer betont, er sei zwar Lutheraner, aber er sei als Erstes Christ; und er hoffe, dasss es ein­mal zu einer einigen christlichen Kirche kommen werde, auch zu einer Verbindung mit der katholischen Kirche, deren „Klerikalismus“ er gelegentlich heftig bekämpfte. Wir müssen heute -sagen, dass Arndt sich als ein in gutem Sinn ökumenischer Christ erwiesen hat. In allem blieb er, wie es auch sonst sein Wesen war, bescheiden; er war ein zwar manchmal ange­fochtenes, aber auch Trost spendendes, weil selbst von Gott getröstetes Gotteskind. In seinen letzten Jahrzehnten führte er mit vielen Menschen einen um­fangreichen Briefwechsel über Glaubensfragen . Er erwies sich darin als behutsamer, guter Seelsorger. –

Wie vordergründig und oberflächlich das Bild ist, das man sich seit der 2. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bis auf den heutigen Tag weithin von Arndt gemacht hat, zeigt sich schließlich daran, dass man ihn als Dichter nie ganz ernst genommen hat. Warum? Weil man ihn offenkundig nicht sorgfältig gelesen hat. Dabei hat Arndt auch in diesem Punkt bleibende Bedeutung. Denn er ist nicht nur ein Dichter, sondern er ist es in ganz eigener Art. Freilich macht er es einem auch darin schwer, seine Qualität zu entdecken: Wie z. B. bei Jean Paul oder Wilhelm Raabe, so muss man auch bei ihm unter nur Schriftstellerischem nach der Dichtung suchen. Sei­ne besondere Leistung ist die Schilderung von Men­schen. Darin ist Arndt „genial“, und ich möchte Ihnen gleich Proben seines Könnens geben. Arndt analysiert nicht Personen bis in die feinsten Fasern ihres Wesens. Sondern er porträtiert. Er tut es machtvoll, mit Schwung, flüssig, schwer und phan­tasievoll zugleich – und mit Treffsicherheit. Hören Sie aus „Geist der Zeit“ – eine Schilderung Napoleons

„Man darf den Fürchterlichen so leicht nicht richten, als es die meisten tun in Hass und Liebe. Die Natur,die ihn geschaffen hat, die ihn so schrecklich wirken lässt, muss eine Arbeit mit ihm vorhaben, die kein anderer so tun kann. Er trägt das Gepräge eines außerordentlichen Menschen, eines erhabenen Un­geheuers, das noch ungeheurer scheint, weil es über uns unter Menschen herrscht und wirkt, wel­chen es nicht angehört. Bewunderung und Furcht zeugt der Vulkan und das Donnerwetter und jede sel­tene Naturkraft, und sie kann man auch Bonaparten nicht versagen. Geh nach Italien, schlage Livius auf, frage die Römergeschichten und versetze das Alte mit neuer Geistigkeit, mit größerem Prunk der Worte, mit etwas politischer Sentimentalität, so findest Du, was der Mann ist, und wohin du ihn stel­len sollst. Die ernste Haltung, des.Südens tief ver­stecktes Feuer, das strenge erbarmungslose Gemüt des korsischen Insulaners, mit Hinterlist ge­mischt, eiserner, Sinn, der furchtbarer sein wird im Ungl im Unglück als im Glück, innen tiefer Abgrund und Verschlossenheit, außen Bewegung und Blitzesschnelle; dazu das dunkle Verhängnis der eignen Brust, .der große Aberglaube des großen Menschen an seine Parze und an sein Glück, den er so auf­fallend zeigt – diese gewaltigen Kräfte, von einer wildbegeisterten Zeit ergriffen und vom Glücke emporgehalten, wie mußten sie siegen! So standen die Römerfeldherren in der Schlacht, kalt und doch be­geistert, und blickten über das Würgen und den Tod von Zehntausenden ruhig hin, so jagten sie mit grau­samer Freundlichkeit die Könige aus oder führten die Schlachtopfer gebückt zu Kapitol, so endigten sie mit Gewalt, was sie mit Freundschaft begannen, oft gerecht, selten mild, nie edelmütig, öfter grausam.Ihr meint, die Römer wüssten immer, was sie woll­ten und warum. Nein, nein, die großen Menschen haben das nie gewusst, wie ihr Eures wisset. Das Gewaltigste bei ihnen ist angeboren und geht in der Tiefe unsichtbar fort, das.Kleine flattert und fliegt oben in der Erscheinung dahin, wie das Schiff die Wellen verbergen und Segel und Wimpel, das leich­te Gerüst in der Luft flattern. Auch Bonaparte weiß nur das Kleine, was er tut, nur wo Instrumente und Maschinen geschoben werden. Seht ihn – warum er­bleicht ihr? Warum flieht ihr? Warum zittern stolze Männer vor dem kleinen Mann? Da steht die siegende Kraft in ihm gezeichnet, die Natur des großen Unbewussten, was Tausende zwingt und beherrscht. Die kleinen Vorbereitungen macht die Klugheit, die klei­nen Anzettelungen der Tat die ungeheuren Geburten und weiß von nichts. So siegt, so herrscht, so fährt der Korse hin. Die Klugheit fasst nur ein mürbes Seil, der Instinkt greift in die ewige Kette, woran Jupiter Himmel und Erde hängt. Bonaparte trägt dunkel den Geist der Zeit in sich und wirkt allmäch­tig durch ihn, ohne Klügelei fühlt er die Fortschwin­gungen der furchtbaren Revolutionsbewegung und hält sein Volk frisch darin. Zum Krieger ward er geboren, nicht zum Regenten, er übt sein Talent und wird es üben. “

(Aus „Geist der Zeit“. Berlin 1807)

Zum Vergleich hören Sie eine Schilderung des preußischen Königs; sie entstand etwa 30 Jahre nach der Amtsenthebung Arndts durch diesen König. Achten Sie darauf, wie die Person des Ge­schilderten sich bis in den Duktus des Stils aus­wirkt: Die Schilderung Napoleons war bewegt; leidenschaftlich; die des preußischen Königs ist ruhig bis in den Satzbau, einfach – und darin schon ein Abbild des Mannes, der beschrieben wird:

„Friedrich Wilhelm der Dritte, von Gott und Natur zu einem schönen stattlichen Mann geschaffen, war nach der Sage der Menschen in seiner frühesten Ju­gend durch eine verkehrte Erziehung unterdrückt worden, wodurch in mancher Beziehung eine gewis­se Blödigkeit und Schüchternheit entstanden war, welche der festen zuversichtlichen Haltung der Höchst geborenen, die zur Herrschaft berufen sind, immer schadet. Es fehlte dem Herrn bei vielen schö­nen Eigenschaften an Selbstvertrauen. Wie gesagt, er war von Gottes Gnaden schön an Gestalt, hatte ein grades, mutiges, festes, echt hohenzollersches Herz und war ein frommer Christ ohne Alfanz und Heuchelei.

Der König hatte die schönen Gaben der Redlichkeit, Frömmigkeit und Tapferkeit, aber doch war er in sich selbst erstarrt und verschlossen. In seiner stil­len, schlichten Erscheinung und Gebärde lag der Aus­druck einer eigenen Traurigkeit: Er war der trauernde Ritter, der seine verlorene Geliebte nimmer vergessen konnte. Nie hat ihn der Gedanke verlassen können, seine Königin, seine geliebte Luise, sei durch die Wut und den Jammer der Zeit in der Blüte ihrer Schönheit hingerafft worden, sie sei durch den Gram über das Unglück getötet worden. Seit jenem Jahr 1810, wo sie in ihrer mecklenburgischen Heimat starb, hat Freude nimmer sein Gesicht mehr über­strahlt, er hat sich selbst des Glückes und der Siege der Jahre 1813, 1814, 1815 kaum mit seinem Volke freuen können, sondern in der stillen Einsamkeit des Schmerzes sich in das eigne Herz zurückge­zogen.

So war seine Lebenslust zerknickt, vieles von sei­ner Schnellkraft zerbrochen, und er hat in einer gewissen gleichgültigen Erstarrung seitdem in sei­ner Umgebung vieles geduldet, was er als König hätte von sich stoßen sollen, hat Menschen um sich und mit sich wirken und handeln lassen, die er im Herzen nicht achtete, und die einem so graden und treuen Charakter nimmer hätten nahe kommen sol­len. Das ist das Schicksal der Menschen überhaupt, das ist doppelt und dreifach das Schicksal der Könige“

Arndt vermag aber auch Natur Stimmungen zu schil­dern. Hören Sie eine Beschreibung, wie er die Stelle besuchte, an der Heinrich von Kleist sich am Kleinen Wannsee erschossen hatte;

„Ich hielt auf halben Wege nach Berlin an der Stelle, wo ganz hart an der Heerstraße ein Busen des grossen Havelmeers anspült, in einem ganz stattlichen Gasthause mein Mittagessen. Dies war die Stelle, wo der geniale Heinrich von Kleist, den ich im Winter 1809 während meines Inkognito in Berlin oft mit Freuden gesehen hatte, sich unten am See mit einer älteren Dame durch einen gegenseitigen Schuss entleibte. Ich ließ mir den Fleck zeigen, wo sie gefallen waren; die Bäume standen ruhig da, das Gras wuchs saftig und grün, sogar ein Stengel­chen Quendel konnte ich mir noch pflücken“.

Es wird gesagt, dass das Gedicht, das wir heute als Kantate vertont hören, unter dem Eindruck dieses Erlebnisses geschrieben wurde. Tatsächlich besteht zwischen beiden Texten in der Stimmung eine Ähnlichkeit: Zartheit, Maß, Klarheit, Einfachheit ohne Strenge, aber nichts gefühlig Verwischtes. Man könnte sagen: in der Klarheit der Linien Caspar d. Friedrich ähnlich; in der Stimmung einem Bilde von Leistikow.

Gegangen ist das Sonnenlicht, still schweige Feld und Hain,

und hell am Firmamente bricht hervor der Sterne Schein,

und hell aus stiller Seele blitzt ein wundersamer Strahl von dem, der ewig waltend sitzt im hohen Himmelssaal,

Wie wäre doch das Menschenkind so elend, so allein,

wenn nicht von oben zart und lind ihm käme dieser Schein!

Es wäre nichts als Trug und Wahn, ein zitternd Blatt am Baum,

ein Körnlein Sand im Ozean, ein Traumbild fast vom Traum.

Das Leben wallt von Ort zu Ort, hat nimmer Ruh noch Rast,

und treibt im wilden Fluge fort, geschnellt durch eigne Last;

es brauset wie ein schäumend Meer, das keine Ufer kennt,

und wirft uns Tropfen hin und’her im wilden ElementDrum komm, o du, der Frieden bringt, o Gott, in stiller Nacht,

wo hell die Engelglocke klingt bei goldner Sterne Pracht

komm, wirf den frommen Liebesstrahl mir warm ins eigne Herz,

und die Gedanken“ allzumal, o zieh sie himmelwärts!“

Was bleibt von Arndt: ?

Ich hoffe, durch meinen Vortrag deutlich gemacht, zu haben, dass dieser Mann weit mehr ist als ein „Überbleibsel vaterländischer Glorie“. Arndt hat ein Leben geführt, das beispielhaft gewesen ist. Seine hervortretenden Charakterzüge waren: Offen­heit, ein starker Sinn für Unabhängigkeit und Frei­heit, Ehrlichkeit, auch sich selbst gegenüber, Be­scheidenheit. Er hatte einen guten Schuss Aufklärertum und Realismus; deshalb hat er den Abwegen der Romantik, die er erlebte und überlebte, immer fern gestanden. Krankhaftes, Verquältes, Phantastisches lag ihm fern. Doch besaß er starkes Gefühl, Zart­heit, Leidenschaft; ja er erlebte Tage mit starker Melancholie. Er ist nie geistreich, nie selbstgefäl­lig in der Formulierung, nie geschliffen – elegant, wohl aber hat er Geist. Sein Charakter barg große Spannungen und Gefährdungen in sich; dass er sie aus-getragen, bewusst an sich gearbeitet und die Gefähr­dungen überwunden hat, erscheint vorbildlich. Es scheint mir bemerkenswert zu sein, dass ein so andersartiger und kritischer Mann wie Heinrich Heine Arndt hoch geschätzt hat. Und als Mitglie­dern einer nach Arndt sich nennenden Gemeinde sollte dieser Mann aber auch deshalb teuer sein:

Arndt hat sich als Christ ohne Rücksicht auf seinen Ruf und seine Stellung in den öffentlichen Angelegen­heiten über Jahrzehnte immer neu engagiert, Politik wurde nicht ausgeklammert. Er hat es getan aus Verantwortungsbewusstsein für den Menschen, auf dem Boden der Wahrheit und des Rechts, das Gott dem einzelnen Menschen zukommen lässt. Das sind Themen, die auch für uns aktuell bleiben. Und dies ist Arndts Vermächtnis. Es soll uns mehr sein als manche seiner Lieder und Ansichten, die uns heute zeitgebunden erscheinen. Der Satz jedenfalls, der vor einer Anzahl von Monaten in einer Annonce die­ser Gemeinde zu lesen war, diese Gemeinde sei besser als ihr Name: Man möchte bezweifeln, dass es so ist. Denn: Der Maßstab, der mit diesem Namen gegeben ist, ist sehr hoch. Man möchte es ihr aber wünschen, dass sie besser sei als er: Arndt selbst würde sich als Erster darüber freuen, unbefangen, herzlich.

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