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Epistel an Elisa

Epistel an Elisa


 

// Ich saß so stumm, wie in dem schwarzen

Gericht des Orkus Rhadamanth,

Und wog auf schwerer Schicksalshand

Die Schuld und Unschuld mit den Parzen,

[34] Las in der blutigen Schrift der Zeit

Der Thronen Sturz und Königsmorde

Und siegreich die Banditenhorde,

Die einer Welt mit Knechtschaft dräut. –

Da dacht‘ ich an die großen Seelen,

Die, keinem Schicksal untertan,

Den Weg zum stillen Ozean

Sich durch das freie Eisen wählen:

Denn eines, Herr sein oder Knecht,

Ist jedem Erdensohn gegeben;

Die erste Majestät im Leben,

Die höchste, heißt Gesetz und Recht,

Und wenn nur Knechte und Despoten

Auf Erden grasen matt und dumm,

Dann kehrt die alte Welt sich um,

Und Leben blühet aus dem Toten

Still in der Zeiten Wechsellauf,

Daß edlere Geschlechter werden;

Und sprängen sie aus Steinen und Erden

Durch Kadmen und durch Pyrrhen auf.

 

So saß ich, hielt die letzten Enden

Der Dinge wägend in der Hand

Und schaute stumm ins dunkle Land,

Von wannen nimmer Wandrer wenden;

Da rief mich deine Stimme süß,

O Freundin, in das frische Leben

Mit Blumenlust und Wolkenschweben,

Ins volle Frühlingsparadies.

 

O Freundschaft, holde Wundersaite,

Die lieblich durch den Busen klingt

Und alles Schöne wiederbringt,

Der Kindheit Traum, der Jugend Weite,

Du Männerstahl und Frauenschutz,

Das Herz zur Tugend zu ermannen,

Zu groß für Sklaven und Tyrannen,

Beutst du gemeinen Gütern Trutz

Und schwingst unsterblich durch das Leben,

Wie ein Gestirn den Feuerglanz,

Von Sphärentanz zu Sphärentanz

Uns aufwärts, wo die Götter schweben.

Ich höre deinen Zauberklang,

Der Gram entflieht ins öde Dunkel,

Der Himmel leuchtet, ein Karfunkel;

Die ganze Erde wird Gesang;

Und Guillotinen und Banditen,

Tyrannenseelen groß und klein

Versinken aus des Lichtes Schein

Tief, wo die Teufel Höllen hüten;

Und in der Freude freierm Schlag

Hebt sich die Brust dem Licht entgegen,

Und jedes Unheil wird ein Segen,

Ein Wonneruf wird jedes Ach.

So lieb und wunderbar getroffen

Hat mich, o Freundin, jedes Wort,

Das wüste Heer der Nacht ist fort,

Der ganze Himmel steht mir offen,

Die Erde sinkt, das kleine Nichts,

Worum sich Toren blutig schlagen,

Nur denen eigen, die es tragen

Empor ins Sonnenreich des Lichts.

 

Ja, Freundin, welche ferne Lande

Mein Fuß auch noch durchwandern muß,

Eh‘ ich den letzten Obolus

Bezahle an dem stygischen Strande,

Ich schwör‘ es dir und jener Glut,

Die edle Herzen ewig zündet,

Was sich unsterblich mir verkündet,

Das halt‘ ich fest mit Männermut,

Und kein Despot soll mir es rauben;

Und drückt es mich zu schwer hinab,

So öffn‘ ich durch das Schwert mein Grab

Und nehme in das Grab den Glauben.

 

Doch heute lacht der Lenz noch mild,

Geführt von Grazien und Scherzen,

Und zeiget jedem Menschenherzen

Der Freude anmutvolles Bild.

O möge er mit zarten Schwingen

Dich wie ein Blumenhauch umwehn

Und frisch und jugendlich und schön

Der Kindheit Träume wiederbringen!

Was du gewesen, was du bist,

Das ist der Gott in deinem Busen:

Orakel hat und Klang der Musen

Nur, welcher gleich ihm selber ist.

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