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Die Leibeigenschaft

 

Ernst Moritz Arndt und die Leibeigenschaft

 

Der Patron der Universität Greifswald wurde am 26. Dezember 1769 in Groß-Schoritz auf Rügen geboren.1

Seine Eltern sind gerade neun Monate zuvor aus der Leibeigenschaft entlassen worden.

Diese Entlassung aus der Leibeigenschaft war für den späteren Dichter und Denker ein glücklicher Zufall und durch das geschickte Wirtschaften seines Vaters brachte es die Familie durchaus zu einem gewissen Wohlstand.

 Geburtshaus Ernst Moritz Arndts in Groß-Schoritz auf Rügen. Hier ist zugleich der Sitz der Ernst-Moritz-Arndt Gesellschaft.

Dennoch fühlte sich Arndt zeitlebens den schwächer gestellten der Gesellschaft verbunden.

So setzte er sich auch mit der Leibeigenschaft auseinander und verfasste im Jahre 1803 die Schrift „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“, in der er jedoch auch auf die Deutsche Leibeigenschaft eingeht.

Das Ziel dieser Schrift war die endgültige, juristische Absetzung dieser ländlichen „von ihm als Barbarei empfundene“ und häufig durch „Missbrauch und Willkür“ gekennzeichneten Patrimonialgerichtsbarkeit.2

So schreibt der „Schwede“ Arndt in dieser Schrift unter anderem:

Die freie, fortschreitende Gesellschaft will freie Bauern des Landes. Was einst erlaubt war, ist es nicht mehr für unsere Zeit; wir haben vom menschlichen und politischen Unrecht ein Wissen und Gewissen ganz anderer Art als unsere Väter; wir sollen auch Bürger sein in einem anderen Sinne als unsere Väter.“3

Es ging Arndt in diesem Zusammenhang nicht nur um die Aufhebung der Leibeigenschaft selbst, sondern auch um den Schutz des befreiten Bauernstandes.4

Bereits 1796 hatte der schwedische König Reformversuche unternommen, die Leibeigenschaft in Schwedisch-Pommern abzuschaffen, schließlich hat es im schwedischen Mutterland keine Leibeigenschaft gegeben.

Doch Gustav Adolf IV. stieß damals auf heftigen Widerstand, sodass seine Reformversuche scheiterten.5

Als der „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“ schließlich veröffentlicht worden war, erging es Arndt nicht anders:

Mein Büchlein machte natürlicherweise Hass und Lärm (…) nicht bloß bei dem Adel, welchen ich darin am meisten anzuklagen schien, sondern auch bei den Halbvornehmen und bei manchen reichen und junkerisch gesinnten Großpächtern, welche schrien, ich sei ein Leuteverderber und Bauernaufhetzer.“6

Die Folge seiner Schrift war eine Anklage Arndts vor der Schwedischen Justitz. So schreibt Arndt über die Folgen seiner Schrift weiter:

„Die Herren hätten mir gar gern einen Majestätsprozess auf den Hals gehetzt.“

 

Doch es kam anders. Wie bereits eingangs erwähnt war auch der schwedische König um die Abschaffung der Leibeigenschaft bemüht. Und zwar mit dem Ziel, einen starken Bauernstand zu errichten, der in einem zu errichtenden Vier-Stände-Tag (mit Sitz in Greifswald) vertreten wäre.7

So schickten nicht nur die Adligen, sondern auch Arndt selbst ein Exemplar dieser Schrift an den schwedischen König.

Dieser schrieb, nachdem er sich mit dem Streit auseinander gesetzt hatte folgendes Urteil:

„Wenn dem so ist, so hat der Mann recht.“

 

Im Zuge dieses Urteils über Arndts Schrift „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“, wurden die Bauern bereits 1806 von ihrer Unfreiheit erlöst.

In Preußen wurde die Leibeigenschaft offiziell erst 1813 abgeschafft.8

Somit wurde dieses Relikt aus dem Mittelalter zwar nicht durch alleiniges Bestreben des Dichters und Denkers Arndt beseitigt.

Allerdings leistete er mit dieser Schrift den Bestrebungen des Schwedischen Königs eine große Schützenhilfe, die es der Majestät erleichterte, den Widerstand des Junkertums in Pommern und Rügen zu brechen.

Häufig wird auch erwähnt, dass die Schrift Arndts über die Leibeigenschaft keineswegs einen „originellen Teil des allgemeinen europäischen Diskurses über die Agrarreform“9 darstelle.

Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied:

Während beispielsweise Stralsunder Kaufleute die Bauernbefreiung unter merkantilen Gesichtspunkten, also im Sinne des eigenen Vorteils, herleiteten, wird die Notwendigkeit der Abschaffung der Leibeigenschaft aufklärerisch begründet10, d.h. die Abschaffung der Leibeigenschaft als Beseitigung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit.

Unabhängig davon, ob die Schrift innerhalb des allgemeinen europäischen Diskurses über die Agrarreform nun besonders originell war oder nicht:

Die Schrift selbst unterstützte die Bestrebungen des schwedischen Königs im erheblichen Maße, weshalb Arndt dann im schwedischen Königshaus auch beliebt war und daher auch einige Vorteile genossen hat.

Es muss aber beachtet werden, dass sich Arndt, als er diese Schrift verfasste, gar nicht bewusst gewesen ist, dass er damit bei dem „schwedischen König (…) offene Türen (einrannte).“11

Er verfasste diese Schrift aus persönlichen Motiven. Aus der Motivation heraus, Gerechtigkeit für den Bauernstand zu schaffen. Und genau dafür ist Arndt innerhalb Pommerns neben seinen Gedichten, neben seiner Sagensammlung und seinen Kirchenliedern bekannt geworden, nicht aber weil er ein Antisemit war.

Und im Zusammenhang einer Ehrung eines Patron sollte man die regionale Kulturpflege nicht zugunsten internationaler Ausstrahlung leichtfertig aufs Spiel setzen.

Wenn sich die Menschen hier mit Arndt durch oben genannte(n) Leistung(en) fühlen (und nicht etwa weil Arndt Antisemit war – wer ehrt denn schon Luther, Marx oder Kant, weil sie Antisemiten waren?!), dann sollte auch das zur Kenntnis genommen werden.

Und wenn die einheimische Bevölkerung es wünscht, das die Universität der Stadt des ehemaligen Sitzes des Ländertages in Pommern, durch einen Menschen repräsentiert wird, der sich sowohl in der schwedischen Geschichte verdient gemacht hat und dafür heute noch dort geehrt wird, der sich aber auch in der pommerschen Landesgeschichte (die in diesem Fall mit der schwedischen zusammenfällt)- und Kultur verdient gemacht hat, der aber auch überregional durch seine Lyrik der Befreiungskriege, die anschließend leider zur Instrumentalisierung des Deutschen Volkes zwischen 1813 und 1945 heran gezogen worden sind, bekannt geworden ist, dann sollte man weder die Interessen der Pommern, noch die positiven Leistungen Arndts leichtfertig übergehen oder gar ignorieren und sich doch eher für eine Beibehaltung des Namens Ernst Moritz Arndts als Patron dieser Universität eintreten, ohne dabei sein negatives Werk zu ignorieren, sondern sich auch mit diesem kritisch auseinander zu setzen.

1 In diesem Zusammenhang muss berücksichtigt werden, dass Rügen zwischen 1648 und 1813 zu Schweden gehörte und der Schwedische König auch einen Sitz im Deutschen Reichstag inne hatte. Die Zugehörigkeit zu Schweden wird letztlich für Arndts Auseinandersetzung mit der Leibeigenschaft noch von Bedeutung sein.

2 Buchholz, Werner: Ernst Moritz Arndt und Schweden, in: HEMAG: Ernst Moritz Arndt weiterhin im Widerstreit der Meinungen, Heft 8, Ueckermünde 2003, S.46.

3 Arndt, Ernst Moritz: Geschichte einer Leibeigenschaft in Pommern und Rügen, in: Gysi, Klaus (Hrsg.): Zur Literatur der Befreiungskriege, Leipzig 1954, S.52.

4 ebd.

5 Buchholz, Werner: ebd.

6 Arndt, Ernst Moritz in: Gysi, Klaus (Hrsg.): a.a.O., S.53.

7 Buchholz, Werner: a.a.O., S.47.

8 Buchholz, Werner: ebd.

9 Stamm-Kuhlmann, Thomas: Der Begriff der Nation bei Ernst Moritz Arndt, in: HEMAG: a.a.O., S.109.

10 Prof. Karl-Ewald Tietz in einem Gespräch mit Vertretern der „Arndt-AG Greifswald“ und dem Webmoritz.

11 Die Initiative „Uni-ohne-Arndt“ während einer Rede über Ernst Moritz Arndt und die Debatte 2001 auf der Vollversammlung der Studierendenschaft im Sommer 2009.

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5 Kommentare leave one →
  1. Jan Steyer permalink
    16. Dezember 2009 01:17

    So sinnvoll und richtig Arndts Schrift gegen die Leibeigenschaft in Schwedisch-Pommern auch war, sehr tiefgehend kann Arndts Abneigung gegen die Leibeigenschaft nicht gewesen sein. 1812-1814 war Arndt schließlich als Sekretär vom Freiherr von Stein in St. Petersburg unter Vertrag, für den er Hetzschriften gegen die Franzosen und die französische Republik verfaßte. Diese Propagandaabteilung war gemeinsam von der preußischen und russischen Reaktion aufgebaut worden. Die elende Leibeigenschaft im zaristischen Rußland hat Arndt allerdings Zeit seines Lebens nicht kritisiert. (Die Leibeigenschaft im reaktionären Zarensystem, für das Arndt so begeistert ins Horn gestoßen hatte, wurde übrigens erst 1868 abgeschafft.)

    Mir ist überdies nicht bekannt, daß Arndt sich jemals gegen das „Hüsing“ ausgesprochen habe; unter diesem Namen wurde in einigen Teilen Preußens (nach dem Sieg über die napoleonische Armee) nämlich die Leibeigenschaft erneut eingeführt.

    Arndt zu einem vehementen Gegner der Leibeigenschaft zu verklären, wäre angesichts der historischen Tatsachen schon sehr gewagt.

    • Marco Wagner permalink
      19. Dezember 2009 16:06

      Es ist nicht ganz so, wie du es geschrieben hast. 1815 erschien von Arndt eine weitere Schrift mit dem Titel: „Über den Bauernstand und seine Stellvertretung im Staate“, in dem er sich erneut mit den Bauern auseinander setzte. (Und das Hüsung wurde meines Wissens 1813 eingeführt).
      Darin forderte er die ständische Vertretung der Bauern und im Kern erneut mehr Rechte für den Bauernstand. Es ging ihm in dieser Schrift nicht mehr nur um die Leibeigenschaft, sondern noch um die rechtliche Vertretung der Bauern. Bis jetzt hatte ich noch keine Zeit, mich mit dieser Schrift eingehender zu befassen. Die Zitate, die ich aus dieser Schrift habe, stammen alle aus dem Buch, das von Klaus Gysi heraus gegeben wurde.
      Richtig ist allerdings, dass seine Bestrebungen gegen die Leibeigenschaft auf das Deutsche Territorium beschränkt blieb.

      Ich würde außerdem vorsichtig damit sein, dass Arndt „begeistert ins Horn des Zarensystems“ geblasen hätte.
      Alleine davon, dass er die Russen dafür lobt, dass sie sich gegen den Aggressor wehren (und nicht einfach so freiwillig besetzen lassen),heißt das noch lange nicht, dass er das Zarensystem lobt.

    • Marco Wagner permalink
      20. Dezember 2009 15:21

      Ich hab mir nun die Schrift durchgelesen.
      Über die Hüsungregelung schreibt Arndt da:

      „Friedrich Wilhelm der Dritte hat endlich die Fesseln zerbrochen und das Große und Ewige Gesetz der Menschlichkeit ausgesprochen und wird von vielen Hunderttausend Befreiten als der Wohltäter und Beglücker genannt. In einigen Landen aber, so zB in Schwedischen Pommern und Mecklenburg Schwerinschen gibt es durch die Willkür, womit man die Bauern zerstören und von ihren Höfen treiben und die Bauerdörfer schleifen und an ihrer Stelle Schlösser und Vorwerke bauen durfte, wenige Bauerndörfer mehr; dort ist auf eine höchst traurige Weise das natürliche Verhältnis aufgehoben, das in der Einteilung des Landbesitzes sein sollte: es sind dort fast gar keine kleinen Grundbesitzer und bäuerliche Eigentümer, man sieht meistens nur große, zum Teil ungeheure Güter und neben ihnen die Hütten von Tagelöhnern und Knechten.
      Es scheint hier, als wenn ich gegen den Adel und andere große Grundbesitzer spreche und alles Landeigentum in die Hände der Bauern hinüberspielen, wenigstens, da ich damit nicht spielen darf, hinüberwünschen möchte.“ (S.35/36)

      und dann:

      „Wenn dem also ist, was mir keiner Ableugnen kann, wenn der Deutsche mehr auf dem Acker als auf das Wasser angewiesen ist, wenn über zweidrittel seiner Brüder Ackerbauern sind, so kann es wohl kein Zweifel mehr sein, dass dieser so zahlreichen, wichtigen und so ehrwürdigen Klasse der Mitbürger in Deutschen Landen eine eigene und öffentliche Darstellung und Stellvertretung im Staate gebühre, dass diejenigen, durch deren Fleiß und Treue und Tapferkeit das Gemeinwesen vorzüglich getragen und erhalten wird, nicht länger als die Unmündigen und Schirmlosen versäumt und zurückgesetzt werden dürfen.“ (S.40)

      und:

      „Wir wollen uns hier darüber (gemeint ist der Fakt, dass der Adel angeblich den Bauernstand in Hannover vertrete) auslassen, wie der Bauernstand bisher durch den Adelstand in Deutschland dargestellt und vertreten worden ist, weil das unangenehme und gehässige Beschuldigungen wieder auffrischen könnte, zumal da welche nicht fehlen, welche behaupten, der Adel habe die Bauern mehr zertreten als vertreten; wir wollen geschichtlich nur das bemerken, dass manche brave Völker und Völkerschaften, die sich auf Verfassungen und Gesetze seit je her verstanden, unter anderen die Schweden und Schweizer, bei welchen auch, wie bei uns Bauern und Edelleute zugleich das Land bewohnten und besaßen, in ihren ständischen Versammlungen und Reichstagen einen Bauernstand neben den Adelstand gestellt, ja den Bauernstand wohl dem Adelstand gegenüber gestellt haben.“ (S.43/44)

      Das nur mal so als kleine Auswahl. Die Ganze Schrift umfasst 66 Seiten.
      Ansonsten verfasste Arndt noch die Schrift „Der Bauernstand, politisch betrachtet“ und äußerte sich in „Über künftige ständische Verfassungen in Teutschland“ auch über die Vertretung des Bauernstandes im Staate.
      Folglich setzte er sich mehr als nur einmal für den Bauernstand ein.

      Die Schriften:
      – „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“
      – „Über die Deutsche Leibeigenschaft“
      – „Der Bauernstand, politisch betrachtet.“
      – „Über den Bauernstand und seine Stellvertretung im Staate“ (Diese Schrift verwechselte ich oben mit „Der Bauernstand politisch betrachtet)
      – Über die pommerschen Forste und Wälder (genauen Titel habe ich zZt nicht parat) – [in dieser kritisiert er die unverhältnismäßige Abholzung von Wäldern und warnt vor den ökologischen Folgen der Abholzung.]

      werden innerhalb Arndts Werk als „Agrarpolitische Schriften“ zusammengefasst.

    • Marco Wagner permalink
      20. Dezember 2009 15:28

      In deinem Kommentar steckt ein Fehler:

      Du sprichst von einer „französischen Republik“. Frankreich hatte aber zwischen 1812 und 1814 den Kaiser Napoleon als Regenten. Folglich war Frankreich keine Republik sondern eine konstitutionelle Monarchie.
      Wenn du Frankreich trotz der Regentschaft eines Kaisers den Status einer Republik zuschreiben willst, so müsstest du dies dann auch dem Deutschen Kaiserreich ab 1871 oder der Staatsvorstellung Ernst Moritz Arndts zuschreiben (seine politischen Ideen fußen maßgeblich auf der schwedischen konstitutionellen Monarchie, die es übrigens genau genommen heute noch gibt (schließlich ist Schweden genau genommen immer noch ein parlamentarisches Königtum, genau so wie Großbritannien und Spanien.) und zwar mit einem deutlich besser ausgebautem und stabileren Sozialsystem als in Deutschland

    • Marco Wagner permalink
      20. Dezember 2009 15:33

      Ich hab noch was vergessen:

      In der Schrift „Über den Bauernstand…“ formuliert er erst einmal allgemein, was für den Bauernstand generell gültig sein sollte. Und das ist die persönliche Freiheit und Verfügbarkeit über eigenes Land. Somit äußert er sich nicht explizit gegen die zaristische Leibeigenschaft, sagt allerdings dadurch, dass die Forderung allgemeine Gültigkeit/ Notwendigkeit habe, eben auch, dass Leibeigenschaft generell (und damit auch in Russland und anderswo in der Welt) der Vergangenheit angehören sollte.

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